Jeder zweite männliche Zuckerkranke entwickelt im Verlauf seiner Erkrankung mehr oder minderschwere Erektionsstörungen. Das sind nach Schätzungen allein in Deutschland bis zu eineinviertel Millionen Betroffene. Weil Impotenz nach wie vor ein Tabuthema ist, gilt sie als die "mit Abstand am wenigsten erforschte, diagnostizierte und therapierte Folgekomplikation von Diabetes", wie das medizinische Fachbuch "Erektile Dysfunktion" anmerkt. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Betroffenen getraut sich, das private Problem beim Arzt überhaupt anzusprechen, und noch weniger Betroffene versuchen, über die Gründe ihres Versagens Klarheit zugewinnen und sich nach therapeutischer Hiife zu erkundigen. Dass auch das medizinische Personal das Tabuthema übergeht, komplettiert die fatale Situation. Aber je länger die Zuckerkrankheit besteht, desto wahrscheinlicher werden Erektionsstörungen. Männer, die seit mehr als zehn Jahren zuckerkrank sind, haben deutlich häufiger Potenzprobleme als der Rest der Bevölkerung.
Meist beginnt dieser Prozess langsam, schreitet dann aber chronisch fort: Der Penis wird nicht mehr so fest wie gewohnt und bleibt es auch nicht mehr so lange. Schließlich versagt das Organ hin und wieder völlig. Meist dauert es dann nur ein Jahr, bis die Fähigkeit zur Erektion ganz verloren geht. Bei vielen Patienten vermindert sich auch die Lust auf den Geschlechtsverkehr und der Grad der sexuellen Befriedigung und Erregbarkeit. Impotenz kann manchmal auch das erste Anzeichen für eine beginnende Diabetes sein. Bei etwa zwölf Prozent der Patienten stellt sich der Verlust der Erektionsfähigkeit schlagartig ein. Bei kaum einer anderen Krankheit sorgen so viele verschiedene Faktoren gleichzeitig für eine Schwächung der Erektionskraft wie bei Diabetes. Das komplizierte Zusammenspiel der venösen, arteriellen, nervalen und Schwellkörperfunktionen zur Erektion des Penis wird empfindlich gestört: Durch den unzureichenden Abbau des Zuckers häufen sich giftige Stoffwechselprodukte im Blut an. Sie schädigen die Zellen der Blutgefäße. Die feinen Rankenarterien des Penis verschließen sich in der Folge (Mikroangiopathie). Ungenügender Blutzufluß verhindert dann das Steif werden des Penis.
Der mit der Diabetes häufig einhergehende Bluthochdruck wiederum kann die großen zuführenden Arterien schädigen (Makroangiopathie) und so den Zustrom von frischem arteriellem Blut bremsen. Auch Neuropathien (Nervenerkrankungen) sind typische Folgeerscheinungen der Zuckerkrankheit, die Impotenz bewirken können. Die giftigen Stoffwechselprodukte schädigen die Nähr- und Hüllzellen der Nervenfasern. Durch die mangelnde Sauerstoffversorgung der Penisnerven über die verstopften kleinen Blutgefäße werden die Nervenleitungen noch zusätzlich beeinträchtigt. Mit den bei Diabetes üblichen chronischen Nierenproblemen rundet sich schließlich das fatale Gesamtbild. Die giftigen Abbauprodukte des Zuckers greifen die feinen Blutgefäße in den Nieren an, diese versagen zunehmend. Wahrscheinlich wird dadurch auch die dort stattfindende Produktion der männlichen Sexualhormone eingeschränkt, was die Erektionsfähigkeit noch weiter beeinträchtigt. Und die Vielzahl an Medikamenten, die Diabetiker einzunehmen haben, kann das Potenzproblem noch weiter verstärken. Wenn sich am Beginn der Zuckerkrankheit Probleme beim Verkehr einstellen, ist noch nicht alles verloren. Meist kehrt die Manneskraft wieder wenn der Blutzuckerwert durch strenge Diät und Medikamente wieder gesenkt werden kann. Sicherlich kann jede noch so kleine "Sünde" das fragile Gleichgewicht wieder umwerfen. So vermag schon eine üppige Sahnetorte am Nachmittag für nächtliche Frustration zu sorgen.
Je disziplinierter die Betroffenen ihre Diät einhalten und die Kohlenhydrate in ihrer Ernährung einschränken, desto länger lassen sich die Folgekomplikationen der Stoffwechselerkrankung, und damit auch die Impotenz, hinauszögern. Das bestätigt auch eine englische Studie, die neun Jahre lang zwei Gruppen von insulinpflichtigen Zuckerkranken beobachtet hat. Die eine Grupper war auf zwei Injektionen pro Tag fix eingestellt, die andere Gruppe führte nehrmals täglich selbständig Kontrollen durch und spritzte für den jeweils gemessenen Zuckerwert die benötigte Menge Insulin. Das Ergebnis ist überzeugend: Bei der Gruppe, die Insulin nach Bedarf spritzte und so ihren Blutzuckerwert sehr genau an der Norm hielt, war das Risiko, an den typischen Folgeerkrankungen zu leiden, fünfmal geringer als in der Kontrollgruppe.
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